Yoga früher vs. Yoga heute: Was wirklich bleibt

Von der stillen Meditation zu modernen Übungen – warum Yoga mehr ist als Fitness

Wenn du an Yoga denkst, was fällt dir als erstes ein? Der herabschauende Hund? Moderne Yoga-Outfits? Beeindruckende Handstand-Performances? Schwitzen und sportliche Flows? Ja, so wird Yoga heute oft gesehen. Viele nutzen es als Sportersatz. Doch das ursprüngliche Yoga, so wie es vor Tausenden von Jahren praktiziert wurde, ist viel tiefgründiger. Seine Essenz – die Verbindung von Körper, Atem und Geist und das wunderbare, freie Gefühl im Kopf – rückt in manchen modernen Yogaklassen leider sehr in den Hintergrund. Doch zum Glück gibt es auch Orte, an denen genau das heute noch spürbar bleibt. 

Was bedeutet das Wort "Yoga"? 

„Yoga“ kommt aus dem Sanskrit und bedeutet „Joch“ oder „Verbindung“ – wie das Holzstück, das zwei Zugtiere mit einem Wagen verbindet. Die Metapher: Der Geist als Wagenlenker spannt die fünf Sinne vor den Wagen (Körper), um die Kraft zu bündeln und nach vorne zu lenken. Oder anders gesagt: Körper, Atem und Geist sollen harmonisch zusammenarbeiten, damit alles gemeinsam in die gleiche Richtung zieht. 

Woher kommt Yoga? 

Yoga stammt aus Indien und ist über 5000 Jahre alt. Erste Hinweise finden sich in der Indus-Tal-Kultur (ca. 3300–1300 v. Chr.), insbesondere in Städten wie Mohenjo-Daro und Harappa. Dort wurden Siegel und kleine Figuren gefunden, die Menschen in meditativen Sitzhaltungen darstellen. Ein bekanntes Beispiel ist das sogenannte „Pashupati-Siegel“, das eine sitzende Figur mit drei Gesichtern zeigt – eine Pose, welche an die heute bekannte Meditationshaltung erinnert. 

Weitere Aufzeichnungen über Yoga finden sich in den Veden, den ältesten philosophischen, spirituellen und naturwissenschaftlichen Schriften Indiens (ca. 1500–1000 v. Chr.). Sie wurden zunächst nur mündlich überliefert wurden: Nur die höchste Gesellschaftskaste, die Priester und Weisen (Brahmanen) durften das Wissen aus den Veden weitergeben, und zwar nur direkt 1:1 vom Lehrer zum Schüler. Später wurde das Wissen verschriftlicht und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Yoga früher: Ursprung in Sitz und Meditation 

Diese frühen Darstellungen zeigen, dass Yoga bereits damals geistige Praxis bedeutete: still sitzen, Atem spüren und den Geist beobachten. Am Anfang war die stabile und angenehme Sitzhaltung, die heute als "Sukasana - der bequeme Sitz" bekannt ist, die einzige Asana, in der Yoga praktiziert wurde. 


Das Ziel war, den Geist zu beruhigen, Gedanken zu beobachten und innere Freiheit zu erfahren. In den Yoga-Sutras von Patanjali - ein Leitfaden über den 8-gliedrigen Pfad - wird dies als chitta vritti nirodha beschrieben: das Zur-Ruhe-Bringen des Geistes. Oder wie wir heute sagen: den Monkey-Mind (unsere Gedanken, die wie kleine Äffchen umherspringen) zu beruhigen. 

Die körperlichen Übungen, die wir heute kennen, kamen erst später hinzu, als erkannt wurde, dass ein starker und flexibler Körper notwendig ist, um lange still sitzen zu können. Die Asanas waren also ursprünglich Mittel zum Zweck

Die Legende über die Yogis im Wald

Dazu möchte ich dir kurz eine der vielen Legenden über Yoga erzählen - diese gefällt mir besonders gut: 
Der Legende nach zogen sich die ersten Yogis in die Wälder und Berge zurück, um zu meditieren. Doch das lange aufrechte Sitzen schmerzte sie nach der Zeit so sehr, dass das Meditieren schlicht und einfach nicht mehr möglich war. So kamen sie auf die Idee, ihre Körper durch Übungen zu stärken. Sie ließen sich von der Umgebung inspirieren und entwickelten Körperhaltungen, die den Bewegungen der Tiere und Pflanzen ähnelten: die Kobra (Bhujangasana), die den Kopf nach oben streckt, den herabschauenden Hund (Adho Mukha Shvanasana) der sich durch-biegt, die Taube (Kapotasana), um hier ein paar Beispiele zu nennen. So war ihr Körper kräftig genug, um lange sitzen zu können und ihr Ziel - die Erleuchtung - zu erlangen.

Wie die Bewegungen später ins Yoga kamen 

So schön diese Geschichte auch ist – sie bleibt eine Legende. Tatsächlich entstanden die körperlichen Übungen, wie wir sie heute kennen, erst viele Jahrhunderte später. In den klassischen Schriften wie der Hatha Yoga Pradipika (14. Jh.) finden sich zunächst wenige Asanas – vor allem Sitzhaltungen, Drehungen und einfache Umkehrhaltungen -  mit dem Zweck, den Körper zu reinigen, Energie (Prana) ins Fließen zu bringen und ihn für längere Meditationen vorzubereiten

Mit der Zeit entwickelten sich daraus unterschiedliche Yoga-Traditionen. Neue Haltungen  aus verwandten körperlichen und geistigen Disziplinen kamen hinzu. Lehrende von Pilates, Aerobic, autogenem Training etc. griffen Yoga auf, kombinierten es mit ihrem Wissen und ihren Erfahrungen und formten daraus die vielfältigen, modernen Yogastile, die wir heute kennen. 


Yoga heute: Asanas, Pranayama und Meditation

Natürlich ist es in unserer modernen Welt kaum realistisch, stundenlang in einer Höhle zu sitzen wie die Asketen früher. Yoga hat sich deshalb weiterentwickelt: Fließende Bewegungen, vielfältige Asanas und Atemtechniken (Pranayama) machen es auch für uns möglich, die Geschehnisse des Alltags beiseite zu lassen, ganz im Moment zu sein und so Meditation und geistige Klarheit in den Alltag zu integrieren

Für mich bedeutet Yoga heute: 

  • den Körper durch Asanas geschmeidig, stabil und beweglich zu halten
  • den Geist durch Atemübungen zu reinigen und Klarheit zu schaffen
  • die Energie (Prana) ins Fließen zu bringen
  • die Gedanken durch Meditation und Achtsamkeit zu beruhigen und die Energie zu lenken
  • die innere Verbindung zu sich selbst zu stärken und 
  • bewusst im gegenwärtigen Moment, im Hier und Jetzt, zu sein.  


Yoga ist aus meiner Sicht kein Ersatz für Sport, sondern ein Werkzeug das hilft, flexibel zu bleiben – im Körper aber auch im Geist. Sich auf äußere Umstände, Veränderungen besser anpassen zu können, den Horizont zu erweitern, mal den Blickwinkel zu verändern (am besten in einer Umkehrhaltung wie dem herabschauenden Hund ;) ) .  Und von innen heraus gestärkt mit seinem Umfeld zu agieren - wertschätzend, gewaltlos, wahrhaftig.


Was wirklich bleibt - die Essenz des Yoga

Trotz aller Veränderungen bleibt das Herzstück von Yoga unverändert: die Verbindung von allem, was wir sind - von Körper, Geist und Seele, wie man so schön sagt. Diese Essenz sorgt dafür, dass wir im Alltag klar, fokussiert und geerdet bleiben - auch in einer Welt voller Ablenkungen. 

Und genau diese Uressenz möchte ich in meinen Yogaeinheiten bewahren: Yoga als Lebenseinstellung, als Ort der Ruhe, als Verbindung mit dem eigenen Selbst. Das Spüren und er-LEBEN von Freiheit im Kopf, Einheit, reinem Bewusstsein. Als etwas, das uns tagtäglich stärkt – körperlich wie geistig.



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